Dr. Cathérine Sabel im Interview

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Praxisübernahme – was sind die Herausforderungen?

Dr. med. dent Cathérine Sabel, Jahrgang 1979, ist Zahnärztin und Fachzahnärztin für Kieferorthopädie, Ästhetische Zahnmedizin und Kinderzahnheilkunde. Anfang 2021 übernahm sie gemeinsam mit ihrem Bruder Dr. med. Dr. med. dent. Julius Steegmann die Zahnarztpraxis des Vaters. Dieser war kurz zuvor unerwartet früh verstorben.

Frage: „Was war bei der Übernahme aus Ihrer Sicht die größte Herausforderung?”
Dr. Cathérine Sabel: Die Komplexität, der man sich auf einmal gegenüber sieht und dazu auch die fehlende Vorbereitungszeit, die man in der Regel bei einer Praxisübernahme benötigt.

Es gibt unzählige Felder zu bearbeiten. Angefangen beim Abrechnungssystem, dem wir schlichtweg ausgeliefert waren, und uns auf die Mitarbeiter verlassen mussten. Großer Unmut tat sich breit, da nicht abgedeckt werden konnte, was wir uns wünschten und wir beschlossen die Software zu wechseln. Wir haben uns für EVIDENT entschieden und einen Softwarewechsel in voller Fahrt hingelegt. Das war nicht immer leicht und brachte einige zusätzliche Stolpersteine mit; dies wäre aber bei jeder neuen Software so gewesen. Mit EVIDENT läuft jetzt aber auch die Abrechnung in die richtige Richtung.

Zudem stellt es uns vor eine enorme Herausforderung, qualifiziertes Personal zu finden. Wir haben gemerkt, dass wir uns in diesem Bereich sehr bemühen müssen, denn uns ist es wichtig, dass wir ein Team haben, das untereinander gut funktioniert und jeder seine Stärken einbringen kann und Schwächen gefördert werden. Ich bin auf einmal nicht mehr nur noch Zahnmedizinerin, sondern auch Chefin, Arbeitgeber, Unternehmer und Coach.

Diese unterschiedlichen Arbeitsfelder könnte ich alleine gar nicht stemmen. So sind wir sehr dankbar, dass wir beide Unterstützung von unseren Ehepartnern erhalten, die sich um betriebswirtschaftliche Themen und das Praxismanagement mit kümmern; und natürlich auch zu Hause stark unterstützen. Kollegen, die sich für eine Praxisübernahme entscheiden, würde ich immer raten sich Unterstützung zu holen; wenn es familiär nicht möglich ist, dann professionell.”

Ist es von Vorteil eine Praxis mit einem Kollegen – in Ihrem Fall sogar mit dem Bruder – zu übernehmen?
Aus meiner Sicht auf jeden Fall. Als Einzelkämpfer stelle ich es mir sehr hart vor. Mit einem Partner an der Seite fällt einem vieles leichter, weil man weiß, dass man nicht alleine in der Verantwortung steht. Dazu gehört natürlich auch, dass wir viel kommunizieren und uns abstimmen, denn nur dann können Entscheidungen mitgetragen werden. Und: Wenn man zu zweit ist, bedeutet dies natürlich auch mehr Expertise. In unserem Fall ist die enge Familienbande ein großer Vorteil. Man kann mal unterschiedlicher Meinung sein und das auch bedenkenlos kundtun, aber das Band hält.

Macht es einen Unterschied, wenn die Praxis in Familienhand bleibt?
Ich habe jetzt keinen Vergleich, aber wir haben in zwei Punkten einen großen Vorteil. Zum einen ist unser Vater immer sehr fortschrittlich gewesen. Somit war seine Praxis stets mit modernsten Gerätschaften ausgestattet. Bei der Praxisübernahme mussten wir nicht viel modernisieren. Das andere ist der gute Ruf unseres Vaters, der uns Kindern zugute kommt, was bei einer Praxisübernahme durch eine fremde Person sicherlich nicht so wäre.

Was haben Sie bei der Praxisübernahme bewusst geändert?
Heutzutage werden Ärzte von ihren Patienten in erster Linie im Internet gesucht. Daher war uns schnell klar, dass wir hier etwas ändern müssen. So haben wir als erstes ein Online-Terminbuchungssystem etabliert, was in kürzester Zeit sehr positiv angenommen wurde. Daneben haben wir – im Rahmen der EVIDENT Einführung – die Praxis weiter digitalisiert und dabei die alten Karteikarten abgeschafft. Aktuell sind wir bei der Einführung eines Intraoralscanners sowie beim Relaunch unserer neuen Internetseite.

Auch die Ausweitung unserer Öffnungszeiten – abends länger und samstags – konnten wir als Team umsetzen.

Zum Thema Praxis-Philosophie. Hat sich der Ansatz eines Zahnmediziners verändert?
Definitiv. Nicht nur, weil wir ganzheitlich denken, sondern weil die Patienten es auch anders als früher einfordern. Sie möchten über Zusammenhänge aufgeklärt werden und man erörtert manchmal auch gemeinsam Ursachen. So sind Parodontitis und Zähneknirschen gute Beispiele für diese Art Umgang mit den Patienten, denn sie erfordern Ursachenforschung und sind nur im Austausch mit dem Patienten möglich.

Wie finden Sie sich in der Rolle als Selbstständige ein? Wie in der Rolle als Chefin?
Ich bin eigentlich ein Teamplayer und versuche immer eine Lösung im Team zu finden. Das ist in der aktuellen Position als Chefin nicht immer der richtige Weg, habe ich gelernt. Mitarbeiter benötigen an bestimmten Stellen klare Vorgaben und Grenzen.

Als Selbstständige habe ich die Erfahrung gemacht, dass es tatsächlich selbst und ständig bedeutet – zumindest in der Aufbauphase, gerade auch weil der administrative Aufwand insbesondere auch für die Abrechnung enorm ist.
Ich möchte wieder mehr Raum für meinen eigentlichen Beruf haben.

Was würden Sie Kollegen bei einer Praxisübernahme raten?
Gute Planung im Vorfeld hilft bei einer Praxisübernahme oder -neugründung ungemein. Uns fehlte leider die Zeit, und wir mussten die vorhandenen Strukturen, teils ungern, erst einmal übernehmen, um sie dann im laufenden Tagesgeschäft anzupassen und neu aufzustellen.

Ich schätze, dass man mindestens sechs Monate Zeit benötigt, um alles vorzubereiten und die neuen Strukturen aufzubauen. Angefangen beim richtigen Steuerberater bis zum Einsatzplan der Mitarbeiter im Schichtdienst.

Mir persönlich hat es sehr geholfen, mich mit erfahrenen Praxisinhabern auszutauschen und in den Zahnarztpraxen von befreundeten Kollegen stundenweise mitzulaufen. So konnten wir besser unsere eigenen Strukturen finden.

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